Sentimental

Ja das bin ich wohl. Keine Ahnung, ob es was mit der besinnlichen Jahreszeit zu tun hat. Ein Wiedersehen mit Menschen, mit denen ich vor vielen Jahren eine Verbindung hatte, wiederzusehen ist sehr berührend. Geschichten von früher zu hören finde ich faszinierend. “Du hast auf dem Wege zur Schule bei uns geklingelt und hast uns für ein paar Minuten Lieder vorgesungen, das war immer sehr schön.” wußte mir eine Frau, die heute fast 100 Jahre alt ist zu erzählen. “Du musstest immer erst auf meinen Schoß sitzen, hast mir ein Bussi gegeben und mir irgendetwas vorgeplappert und dann warst du bereit in die Kindergartengruppe zu gehen,” erzählte mir meine damalige Kindergartentante.

Mir wurde so bewußt, als ich über die Felder meiner damaligen Heimat spazieren ging, dass ich eine wunderbare Kindheit genossen habe. Meine Spielplätze waren der Fußballplatz, der Bauernhof und die Wiesen. Wind und Wetter waren für mich natürlich, trinken aus dem Bach ebenso und wenn ich Hunger hatte, dann gab mir der hiesige Metzger eine Scheibe Wurst und die Bäckerei ne Semmel dazu – Nulltarif inbegriffen.

Auch wenn ich nicht mehr dort leben könnte, bin ich zutiefst dankbar für mein Aufwachsen in diesem Dorf und natürlich für meine Eltern, die mich einfach haben sein lassen. Baumhaus bauen und Vorhänge aus bunten Stoffresten nähen, mit Pfeil und Bogen schießen und besser als die Nachbarsjungen sein, stundenlanges Rollschuh fahren, Staudämme bauen, angstfrei Verstecken im Wald spielen, in Sonnenblumenfelder sitzen und Picknick machen, Weitsprung üben bis es dunkel ist, im Neckar baden, Schwalben basteln und sie von der Kirchenmauer fliegen lassen, Pferde pflegen und reiten, Äpfel klauen und für ein paar Pfennige verkaufen, dutzende Kaulquappen sammeln und sie heimlich auf dem Dachboden zu Fröschen heranzüchen, im  Garten unter der Wäscheleine zu liegen und den frischen, sauberen Geruch einatmen, mit Tanja unserer Schäferhündin, als Beschützerin, im Freien übernachten, Indianer spielen und dabei der Häuptling sein.

Diese Wurzel bleibt ewig in mir und wenn ich mich daran erinnere und in Gedanken das junge Mädchen wieder herhole, dann schleicht sich ein ganz besonderes Gefühl in mir ein. Ich könnte weinen und lachen zur selbigen Zeit. Dieses Kind Silvia will ich niemals vergessen und ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, doch wenn ich die Möglichkeit hätte, ich würde genauso nochmals die Zeit erleben wollen, bis ich meinen Rucksack packte und für immer von dort wegging.